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Snoezelen: klug dösen in der Penne

Wer den ganzen Tag über gefordert ist, braucht Erholung. Doch in gerade einmal der Hälfte aller Ganztagsschulen können sich Schüler in Kuschelecken und Nischen zurückziehen. Es geht auch anders: In Krefeld werden Schulkinder zum Dösen angeleitet.

Kleine Kerle jagen mittags auf dem Gelände der Grundschule in Bonn-Mehlem hinter einem Softball her. Auf der breiten Rutsche ziehen sich mehrere Grundschüler am Rand nach oben, während wieder andere auf der freien Fläche daneben herunterrutschen. Einige balancieren auf den Seilen des Klettergerüsts. An einer Reckstange hängt ein Mädchen kopfüber an den Beinen. Davor laufen drei Kinder auf Stelzen. In der Aula versucht eine Grundschülerin ihre Spielgefährtin zu fangen. Eine typische Pause: Gewimmel, Lärm und kaum Stille. In sehr vielen Ganztagsschulen sind Schüler von morgens bis nachmittags auf den Beinen. Nach der Schule sinken sie zuhause vielfach erschöpft aufs Sofa – und lassen sich von Medien berieseln.

Allerorten fehlen Ruhezonen in den Ganztagsschulen. Laut dem Vorsitzenden des Ganztagsschulverbandes, Stefan Appel, hat rund die Hälfte der fast 8 000 Ganztagsschulen, die mit den Mitteln des vier Milliarden teuren Investitionsprogramms des Bundes räumlich saniert wurden, bis heute zu wenig Rückzugsräume, Kuschelecken und Nischen. Wenn Appel Rundgänge macht und Ganztagsschulen berät, stehen Rückzugsräume ganz oben auf der Agenda. „Sie gehören zur Standardausstattung eines jeden ganztägigen Angebots, genauso wie Räume zum Lernen, Bewegen, Spielen, Lesen und Begegnen“, so der Schulberater.

Rückzug auf niederländische Art

Immerhin: Die Sollbrüggenschule in Krefeld, eine Grundschule mit einem ganztägigen Betreuungsangebot, hat das Problem erkannt. Von den 350 Kindern werden rund 210 nachmittags betreut. Laut Schulleiterin Mechtild Wahl-Wittmer sind fünf Gruppen im Ganztag. Zu jedem der fünf Gruppenräume gehört eine eigene Kuschelecke. „Die Kinder nehmen sich die Auszeiten selbst“, sagt die Schulleiterin. Und wenn die Pädagogen bemerkten, so Wahl-Wittmer, dass die Kinder ein noch höheres Maß an Ruhe benötigten, teilen sie das den Eltern mit. Dann kommen sie auf die Warteliste zum „Snoezelen“.

„Unter Snoezelen versteht man den Aufenthalt in einem gemütlichen, angenehm warmen Raum, in dem man, bequem liegend oder sitzend, umgeben von leisen Klängen und Melodien, Lichteffekte betrachten kann“, schreibt die Grundschule auf ihrer Homepage. In einem Nebentrakt des Schulgebäudes hat sie einen Snoezelen- Raum eingerichtet. Finanziert wurde die Ausstattung von der Stadt Krefeld und der Bezirksregierung Düsseldorf. Der Raum ist abgedunkelt, sechs bis acht Kinder können bequem liegen oder sich auf Sitzsäcken räkeln. Jedes Kind kommt sechs Mal dran, dann ist das nächste an der Reihe. Ein Projektor wirft stille Unterwasserwelten oder Landschaften an die Wände. Die Atmosphäre wird von meditativer Musik untermalt.

Beim Liegen oder Sitzen betrachten die Kinder eine Wassersäule. Während eine Betreuerin Geschichten vorliest, schließen die meisten Kinder ihre Augen. Viele Kinder würden ganz ruhig, schliefen ein, berichtet Iris Thissen-Gappel, die pädagogische Fachkraft. „Sie brauchen ein paar Minuten, bis sie nach der Meditation wieder da sind.“ Jungs genießen es ebenso wie Mädchen. Für die Schulleiterin ist das Snoezelen ein „besonderes Highlight des offenen Ganztags“ der Sollbrüggenschule. Es ist laut Thissen-Gappel auch ein Zugpferd bei Tagen der Offenen Tür.

Schnüffeln und Riechen, so wie es das Snoezelen-Konzept ursprünglich vorsieht, kann man in der Sollbrüggenschule indes nicht. „Ich kann keinen Bananenduft nehmen, wenn ich Meeresgeschichten vorlese“, erklärt Thissen-Gappel. Außerdem bekomme man die Düfte nicht mehr aus den Wänden raus. Auch ohne das Schnüffeln zieht das Snoezelen Kinder in den Bann. Es komme immer wieder vor, so Thissen-Gappel, dass Kinder ihre Eltern zum Snoezelen auffordern würden: „Leg’ dich mal hin, jetzt erzähle ich dir eine Geschichte.“ Eltern, die es sich leisten können, haben ihren Kindern private Snoezelen- Räume eingerichtet.

„Eine Idee, die übersehen worden ist“

In der Schule steht und fällt das „Snoezelen“ mit der Betreuung. Manche Schulen mussten es einstellen, weil das Personal fehlte, die Kinder anzuleiten. Und auch in der Sollbrüggenschule ist der Raum nur dreimal in der Woche geöffnet, weil Thissen-Gappel neben dem Snoezelen-Kurs auch noch Kinder bei den Hausaufgaben oder beim Basteln betreut und sich vertreten lassen muss. Es war übrigens die Erzieherin selbst, die das angeleitete Dösen importierte. Sie belegte nämlich das „Unterrichtsfach Snoezelen“ anlässlich ihrer einjährigen Fortbildung zur pädagogischen Fachkraft bei der Berufsfachschule für Pädagogik in Hamm.

„Snoezelen ist eine Idee, die bisher übersehen worden ist“, sagt Ganztagsschulexperte Appel. Sie komme in deutschen Schulen noch ausgesprochen selten vor. Auch in der Fachliteratur werde es kaum besprochen. Doch dem Ganztagsschulexperten scheint eine halbe Stunde dafür zu knapp bemessen. Mindestens anderthalb Stunden müssten angesetzt werden, in denen zu Mittag gegessen, ausgeruht, gedöst oder sich sonstwie zurückgezogen werden kann, so Appel. Außerdem müsste für viel mehr Schüler, mindestens die Hälfte, die Möglichkeit bestehen, in einem Snoezelen-Raum zur Ruhe zu kommen. Stelle man es klug an, sei das Snoezelen eine Bereicherung für den Rückzugsbereich. „Ich kann es mir auch sehr gut für die Jahrgangsstufen fünf und sechs vorstellen“, meint Appel.

Kompakt

„Snoezelen“ ist ein niederländisches Kunstwort. Es setzt sich aus „snuffelen“ (schnüffeln) und „doezelen“ (dösen) zusammen. Der ganzheitliche Ansatz wird in der Therapie, aber auch in der Pädagogik eingesetzt – hierzulande gibt es über 1 200 Räume.

Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst

(lekl) 18.08.2011
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