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Echt, wenn selbst erlebt. Trotz Facebook und Smartphone-Apps: Kinder und Jugendliche begeistern sich für Natur

(jg). Kinder und Jugendliche erleben heute weniger Natur denn je. Wälder, Wiesen und Seen liegen nur noch selten direkt vor der elterlichen Haustür, zumal in größeren Städten. Dabei fördert Kontakt zur Natur die Entwicklung, meinen Psychologen – und einen respektvollen Umgang mit der Umwelt, sagen Ökologen.

Heruntergefallene Äste stapeln, Rotbuchen-Setzlinge zu Bündeln binden, Kastanien sammeln – ein Waldpraktikum bringt die Schüler der hannoverschen St.-Ursula- Schule der Natur so nahe wie nie zuvor. Eine ganze Woche lang schuften Acht- und Neuntklässler mit Förstern und Waldarbeitern an der frischen Luft, erledigen, was in einem Forst erledigt werden muss. „Wir haben richtig zugepackt und waren produktiv – ich z. B. hab mit einer riesigen Heckenschere überwucherte Trampelpfade freigeschnitten“, erinnert sich Melle, „das war ein gutes Gefühl.“

Komplexe Zusammenhänge richtig begreifen

An vielen niedersächsischen Schulen wird das Waldpraktikum freiwillig angeboten, an der St.-Ursula-Schule gehört es obligatorisch zum Biologie-Unterricht in der 8. oder 9. Klasse. „Dann steht ohnehin der Wald auf dem Lehrplan“, sagt Bio-Lehrer Wolf-Dieter Schmidt. Im Klassenraum bereiten die Schüler ihre Natur-Exkursion vor: Sie bestimmen Baumarten, legen Blättersammlungen an. „Aber erst im Wald begreifen die Heranwachsenden die komplexen Zusammenhänge und ökologischen Probleme richtig“, sagt Schmidt.

Dabei blicken manche seiner Schüler anfänglich auch skeptisch auf das Waldheim bei Braunlage im Harz, so Schmidt, befürchten Handy-Löcher und Internet-Flaute. Dennoch lasse sich der Großteil für die Wald-Woche begeistern. Schließlich interessieren sich fast alle Kinder und Jugendlichen für Natur im weitesten Sinne, sagt Caroline Retzlaff-Fürst, Professorin für Umweltbildung an der Uni Rostock. Mit altersspezifischen Unterschieden: Neun-, Zehnjährige brennen besonders für Tiere, Heranwachsende finden ökologische Fragen spannend.

Doch aus eigenem Erleben kennen viele Kinder und Jugendliche Bäche, Wälder und Wiesen kaum – zumal in Ballungsräumen und Großstädten. Um 1900 herum streiften Heranwachsende oft noch kilometerweit durch ihre Lebensumwelt, kletterten auf Bäume, angelten in Seen. Heute bewegen sich viele Jugendliche nur noch wenige Hundert Meter von ihren Elternhäusern weg, wie Untersuchungen zeigen.

Nicht ohne Folgen, so Regine Leo, Leiterin des Schulbiologie- Zentrums Hannover. Hier begegnen viele Großstadt- Kinder zum ersten Mal wirklichen Pflanzen und Tieren. Fast jede biologisch-theoretische Unterrichts- Einheit lässt sich hier praktisch unterfüttern: Die botanische Artenkunde mit „Fußballrasen“, die Morphologie der Gliederfüßer mit Skorpionen und Gespenstschrecken. Schüler können klassenweise in Gewächshäusern oder Kräutergärten pflanzen, pflegen und ernten. Oder einfach nur durch den zentrumseigenen Wald stromern. „So etwas kennen viele hannoversche Kinder überhaupt nicht“, sagt Leo, „manche fragen dann: Darf ich die Wege auch verlassen?“

Bild: lernklick

Zecken und herabstürzende Äste

Nicht ganz unschuldig daran sind oft die Eltern: Vielen bricht beim Gedanken an Zecken oder herabstürzende Äste der Angstschweiß aus, manche lassen den Nachwuchs kaum noch ohne Aufsicht vor die Tür. Heranwachsenden mangele es damit nicht nur an Freiheit und eigenen Erfahrungen, sie verlieren auch ein Entwicklungsmoment, meinen Psychologen. In der Natur erlernen Kinder und Jugendliche Körperbeherrschung und Selbständigkeit. Außerdem fördere die Nähe zu Pflanzen und Tieren emotionale Bindungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Fantasie und Lebensfreude, fasst Naturphilosoph Andreas Weber zusammen.

Während Kinder sich im hannoverschen Schulbiologie- Zentrum meist eifrig auf die reale Natur stürzen, lehnen sich Jugendliche oft erst einmal mit verschränkten Armen zurück, berichtet Bio-Lehrerin Sigrun Gieseler vom Bio- Zentrum: „Diese coole Fassade müssen wir dann durchdringen.“ Für Gieseler oft ein Fall für die „Exoten- und Ekel-Abteilung“: „Wenn ich einer Gruppe dann ein Axolotl vor die Nase setze oder sie von handtellergroßen tropischen Schaben anfauchen lasse, ernte ich zumindest schon mal ein ,Krass‘ – und darauf lässt sich aufbauen.“

Natur-Erfahrungen prägen

Direkte Natur-Erfahrungen prägen sich Kindern und Jugendlichen ein – im Klassenraum Erlerntes verblasst oft schnell, sagt Umweltbildungs-Expertin Retzlaff-Fürst von der Uni Rostock: „Pflanzen und Tiere berühren Heranwachsende, beeinflussen ihre Einstellungen und ihr Handeln – auch in Zukunft.“ Natur-Erlebnisse, darin sind sich Experten einig, führen beispielsweise zu umweltgerechtem Verhalten. Denn obwohl kein Stadtkind für sein alltägliches Leben wissen muss, dass die grüne Wiese im Park aus 80 verschiedenen Grassorten besteht: Wenn es versteht, dass jede Art zum Überleben dieses Ökosystems beiträgt, achten sie jede einzelne Spezies. So lernen sie, den Wert des komplexen Zusammenspiels von Pflanzen und Tieren zu schätzen.

Wie nachhaltig die Begegnung mit der Natur wirkt – das zeigt sich in der Oberstufe der St.-Ursula-Schule: „Wenn beispielsweise Räuber-Beute-Beziehungen oder ökologische Wechselwirkungen auf dem Plan stehen, erinnern sich viele Schüler“, sagt Bio-Lehrer Wolf-Dieter Schmidt, „sie veranschaulichen abstrakte Beziehungen dann häufig anhand von Erlebnissen aus dem Waldpraktikum.“ Die Natur-Woche löse bei seinen Schülern nicht massenhaft den Berufswunsch Förster oder Wald-Ökologe aus, räumt Schmidt ein. Aber: Das Waldpraktikum wecke Interesse an naturwissenschaftlichen und technischen Zusammenhängen über das Fach Biologie hinaus.

Die Jugendlichen selbst stellen etwas andere Aspekte in den Vordergrund: „Es war ein bisschen wie Klassenfahrt mit Arbeitseinsatz – gut für das Gemeinschaftsgefühl“, sagt Melle. Mitschülerin Vanessa ergänzt: „Der Wald und die Arbeit hatten etwas Beruhigendes. Anders als in der Schule empfand ich überhaupt keinen Stress.“ ‹‹

Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst

(lekl) 27.06.2011
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