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Mehr Mut(h) zur Inklusion

(ht). Das Wort Inklusion klingt für deutsche Ohren noch gewöhnungsbedürftig. Doch es meint mehr als gemeinhin die Integration von Behinderten ins normale Schulleben. Es verlangt einen Sinneswandel: Weg vom System der Förderschulen – eh ein deutscher „Sonderweg“. Unlängst zeichnete der Jakob-Muth-Preis ermutigende Beispiele für inklusive Schulen aus.

Die Erika-Mann-Grundschule in Berlin ist den Experten längst nicht mehr unbekannt. Diese erste theaterbetonte Grundschule des Landes Berlin heimste schon viele Preise ein, etwa beim Bundeswettbewerb „Kinder forschen“. Sogar für den renommierten „Deutschen Schulpreis“ erhielt die Vorzeigeschule aus dem Problembezirk Wedding eine Nominierung. Dass sie seit ihrer Neugründung in den neunziger Jahren ebenso aktiv behinderte Schülerinnen und Schüler integriert, wäre beinahe zur Nebensache geworden. Die Auszeichnung mit dem Jakob-Muth-Preis macht es nun deutlich: Eine erfolgreiche und gute Schule bringt auch noch eine vorbildliche Integration zustande.

Die Erklärung dafür liegt keineswegs nur in der zentralen Arbeit mit den Mitteln des Theaters, die ungeahnte intellektuelle Kräfte und soziale Fähigkeiten bei den Kindern zu Tage fördern. Die Schule richtet sich generell an den einzelnen, nicht selten sozial vorbelasteten Schülern aus. Sie erstellt eigene Stärken-Schwächen-Profile. Sie arbeitet mit speziellen Experten, die oft im Team mitunterrichten. Und jeder Lerner erhält sein eigenes Tempo, unterstützt von engen Kontakten mit den Eltern. So passen sich in den altersgemischten Klassen der ersten Jahre auch besondere Förderansprüche nahtlos ins schulische Gefüge ein. Die verlässliche Tagesbetreuung von 6 bis 18 Uhr, vom Kinderkiezzentrum im Haus angeboten, ist dazu ein stützender Pfeiler. Und nicht zuletzt eine die Phantasie höchst anregende wie wohnliche Gestaltung der Schule.

Der Jakob-Muth-Preis

Die Schule ist nur eine von 144 Bewerbungen für den 2009 erstmals ausgelobten Jakob-Muth-Preis. Er wird von der Bertelsmann Stiftung vergeben, in Kooperation mit dem Bundesbeauftragten für behinderte Menschen und der deutschen UNESCO-Kommission. Die weiteren Preisträger sind die private Sophie-Scholl-Schule in Gießen und die Integrierte Gesamtschule Hannover Linden. Auch deren Unterricht setzt an der Verschiedenartigkeit jedes Kindes an. Ihre Schulkultur ist – je auf eigene Weise – ganz auf die individuelle Förderung ausgerichtet. Darin besteht zugleich das Anliegen des Preises: Die Praxis von Schulen bekannter zu machen, die nicht ausgrenzen, sondern allen eine bessere Teilhabe ermöglichen – unabhängig von Herkunft, Beeinträchtigung oder sonstiger Benachteiligung. Namensgeber Jakob Muth (1923 - 1993) hatte sich als Bochumer Professor schon früh für eine gemeinsame Erziehung von Behinderten und Nicht-Behinderten eingesetzt.

Deutschland, einzig Förderland

Denn die übliche Praxis sieht in Deutschland anders aus. Rund 430.000 Kinder sind in Förderschulen separiert, 60 Prozent davon als Lernbehinderte. Deutschland leistet sich dafür ein ausgeklügeltes Sonderschulsystem – von Schulen für Gehörlose bis hin zu solchen für Körper- oder geistig Behinderte. Die Kosten dafür sind immens: etwa 2,6 Milliarden Euro im Jahr. Derweil besuchen nicht einmal 15 Prozent aller Kinder mit Behinderungen eine Regelschule – eine miserable Integrationsquote, mit der das Land die rote Laterne in Europa hält. Vorreiter sind Italien, Norwegen und Schweden, die 95 Prozent aller beeinträchtigten Schüler in normalen Schulen unterbringen und dort gezielt fördern.

Indes widerlegen viele Studien alte Ängste: Weder ist eine wohnortnahe Förderung in Regelschulen teurer, noch leidet das Leistungsniveau der Klassen. Im Gegenteil: Die Umverteilung der Fördermittel auf die Schulen vor Ort ermöglicht oft sogar ein Mehr an Förderstunden. Noch bemerkenswerter fallen die Vergleichsergebnisse aus: Die integrierenden Klassen schneiden meist besser in den Tests ab als „unbeeinträchtigte“ Klassen. Offenbar kommt der individuellere Unterricht allen zugute. Noch schlechter sieht es bei den Förderschulen aus: Ein Fünftel der Schüler schafft mal eben so einen berufsrelevanten Abschluss. Und interne Vergleiche offenbaren Erschütterndes: Das Leistungsvermögen sackt im Laufe der Förderung gern auch nach unten ab. „Der Schonraum Förderschule wird zur Falle“, wie es die Berliner Pädagogik- Professorin Jutta Schöler pointiert, einhergehend mit einer negativen Spirale der Ausgrenzung und des schleichenden Verlustes an gesellschaftlicher Teilhabe.

UN-Konvention fordert inklusives Bildungssystem

Dem schiebt die UN nun einen Riegel vor. Die Behindertenrechtskonvention (BRK) von 2006 bestärkt die Selbstbestimmung der Behinderten und ihre vollgültige Teilhabe an der Gesellschaft als unveräußerliche Menschenrechte. Der Artikel 24 der Konvention fordert verbindlich ein inklusives Bildungssystem. Und das englische Wort Inklusion meint mehr als Integration. Es geht nicht um teilweise Eingliederung. Ein Aussortieren verbietet sich. Nur so erklärt sich auch die Klage des UN-Menschenrechtsbeauftragten Vernor Munoz nach seinem Deutschlandbesuch im Jahr 2006, als er das hiesige Schulsystem wegen seiner ausgeprägten Auslese vehement anprangerte.

Inklusionsexperte Prof. Dr. Andreas Hinz von der Uni Halle bringt es auf den Punkt: „Inklusion vertritt die Idee einer Schule für alle.“ Politisch liegt darin in Deutschland immer noch Zündstoff – siehe die Hamburger Bürgerproteste. Doch fernab solcher Grabenkämpfe setzt sich in der Praxis immer mehr die Erkenntnis durch, dass alle Kinder verschieden sind und dass Vielfalt das Lernen befördert. Oder wie Jutta Schöler den inklusiven Schulen das Wort redet: „Eine Schule ohne Kinder mit besonderem Förderbedarf ist keine ‚normale‘ Schule.“

Kompakt

Erstmals zeichnete 2009 der Jakob-Muth-Preis in Deutschland Schulen aus, die sich durch eine vorbildliche Integration hervortun. Diese Schulen und der Preis richten sich jedoch an einem neuen Begriff aus: Inklusion. Ein inklusives, nicht ausgrenzendes Bildungssystem („Eine Schule für alle“) ist auch völkerrechtlich geboten. Maßgeblich ist die neue UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen (BRK 2006).

Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst

(lekl) 22.04.2010

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