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Special
Disziplin ohne Tränen – über die zeitgemäße Erziehung an Schulen(nis). Schon der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt hat es – zugegebenermaßen resignierend – erkannt. Die Erziehung von Jugendlichen ist alles andere als einfach. Auf die Frage eines Freundes, ob der Staatsmann seine Tochter nicht besser erziehen könne, weil sie ständig während wichtiger Sitzungen störe, soll Roosevelt geantwortet haben: „Mein Lieber, entweder regiere ich die Vereinigten Staaten von Amerika oder ich erziehe meine Tochter. Beides zusammen ist unmöglich!“ So wie es dereinst Roosevelt erging, geht es vielen Menschen noch heute. Zeitlicher und beruflicher Druck zwingen viele Eltern, die ihnen obliegende Verantwortung der Erziehung zu einem großen Teil an die schulischen Institutionen abzugeben. Daher sind es oftmals die Lehrer, die unter Respektlosigkeit und Aufsässigkeit ihrer Schüler leiden müssen. War es im 19. Jahrhundert die Prügelstrafe, die rebellischen Schülern Einhalt gebot, geht die Erziehung und Disziplinierung heute einen anderen Weg. Das partnerschaftliche ErziehungskonzeptDer Psychiater Rudolf Dreikurs beispielsweise beschreibt in seinem Buch „Disziplin ohne Tränen“ einen Ansatz der partnerschaftlichen Erziehung. Sein Konzept beruht auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen. Damit will er die oft gefochtenen Machtkämpfe zwischen Schülern und Lehrern aus Deutschlands Klassenzimmern verbannen und die Disziplin zurückholen. Das gelingt den Lehrern laut Dreikurs am besten, indem Schülern generell mehr Verantwortung übertragen wird: „Lehrer, die ihre Vorstellungen auch heute noch in scharfem Tonfall durchsetzen und dabei alle Entscheidungen selbst treffen und alle Regeln allein vorgeben, sind Relikte einer vergangenen Epoche. (…) Kinder lernen nicht, Verantwortung zu übernehmen, wenn wir ihnen keine Gelegenheit dazu geben“, schreibt der Psychiater. Partizipation der Schüler ist wichtigEine ähnliche Einschätzung gibt die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Marianne Demmer. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass heutzutage eine eher kooperative Beziehung zwischen Lehrern und Schülern besteht und auch bestehen muss. Neben rein disziplinarischen Maßnahmen, die bei Vergehen oder Übertretungen der Schulordnung greifen, hielten immer mehr partizipative Methoden in den Schulalltag Einzug. Das heißt, dass die Schüler aktiv an der Gestaltung ihrer Schule teilhaben können. Die Schüler werden mit der Frage konfrontiert, wie ein angenehmes Schulklima geschaffen werden kann. In der Folge entwerfen die Schüler dann einen Vertrag mit Verhaltensregeln, der für alle Parteien gültig ist. Um eine höhere Verbindlichkeit zu erreichen, wird der Kontrakt in vielen Fällen von Schüler- und Elternvertretern und natürlich auch von den Lehrern unterschrieben. An etlichen Schulen sei nach der Einführung eines solchen „Klassenzimmer-Vertrags“ zu beobachten gewesen, dass die Jugendlichen sich positiver entwickelten, erklärt die Schulexpertin. Die Schüler würden ernst genommen, ihnen würde Verantwortung übertragen, dies wirke sich positiv auf das Verhalten aus. Ein Paradebeispiel hierfür seien die Streitschlichter- Programme, in denen Schüler ausgebildet werden, um Konflikte untereinander auf Augenhöhe zu lösen. Diese Programme erfreuten sich an immer mehr Schulen immer größerer Beliebtheit, weiß Marianne Demmer. Gestalten als MediatorenBereits seit 2001 bildet die Ludwig-Fronhofer-Realschule im Verbund mit drei anderen Schulen im oberbayerischen Ingolstadt diese sogenannten Mediatoren – also Streitschlichter – aus. Das Ziel: Den Schülern soll eine stärkere Selbstverantwortung übertragen werden, wodurch ein positiveres Schulklima entstehen soll. Lehrerin Olga Peltier ist eine der Projektbetreuerinnen des Programms. Sie hält die derzeit zwölf Mediatoren am Schulzentrum für eine sinnvolle Ergänzung im Schulleben. Wenn es um Eifersüchteleien, Neid, Beleidigungen oder auch um kleinere Rangeleien unter Schülern geht, kommen die Streitschlichter zum Einsatz. Die Lehrer halten sich dabei laut Peltier eher im Hintergrund. Die Hauptarbeit leisten die Mediatoren und die sich streitenden Parteien. Diese nämlich müssen ihren Konflikt nun völlig selbstständig im Gespräch lösen und einen für alle Betroffenen annehmbaren Konsens erarbeiten. Bei aller Macht der Kommunikation – ganz verzichten kann man auf die gute alte Strafe nicht: „Bei schlimmeren Fällen wie zum Beispiel Gewalttätigkeiten muss natürlich disziplinarisch gestraft werden“, berichtet Olga Peltier. Dies sei jedoch selten geworden. Insgesamt ist damit zu beobachten, dass sich das Schulleben einem starken Wandel unterzogen hat. Stark bevormundende, autoritäre Lehrkörper, die sich mit dem Rohrstock Gehör und Respekt verschaffen, sind höchstens noch in Schulmuseen zu finden. Heute agieren Lehrer eher demokratisch. Das bedeutet bezugnehmend auf Rudolf Dreikurs, dass die Pädagogen neben der reinen Wissensvermittlung auch als Mentoren für ihre Schüler fungieren müssen. Sie stehen vor der Aufgabe, den Jugendlichen eine Stütze zu sein, ihnen Normen und Werte nahezubringen, die die jungen Erwachsenen in der heutigen Gesellschaft in einem Leben außerhalb der Schulmauern brauchen. Buch zum Thema auf amazon.de: Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst
(lekl) 09.04.2010
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