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Special
Die Lust am Lernen weckenInterview mit Dr. Jürgen Overhoff und Prof. Martin Korte(dw) Kinder lernen mit Begeisterung – so lange sie klein sind. Als Schüler sprechen sie dann oft maulend vom Lernenmüssen. Warum? Und wie ließe sich das ändern? Antworten eines Historikers und eines Neurobiologen. Der Klett-Themendienst sprach mit Dr. Jürgen Overhoff und Prof. Martin Korte. Herr Dr. Overhoff, Herr Prof. Korte, wie gelingt Lernen? Overhoff: Lernen sollte nicht zu schnell berufsbezogen sein und auf ökonomischen Nutzen ausgerichtet. Das ist nicht der eigentliche Zweck des Lernens, der uns anhaltend motivieren kann. Der englische Philosoph und Politiker John Locke (1632–1704) hat es einmal so beschrieben: „Das Lernen bereitet größere und nachhaltigere Freude als irgendeine andere Fähigkeit, weil es der Jagd gleicht, einer Falken-, Balz- oder Hetzjagd.“ Wobei das Vergnügen größtenteils in der Verfolgung selbst besteht. Das Lernen ist also, wie ich es verstehe und wie es die Aufklärer beschrieben haben, zunächst einmal Selbstzweck: das Jagen nach Erkenntnis. Korte: Die Neurobiologie hat hier keine vollkommen neuen Erkenntnisse gebracht. Sie liefert die Erklärungsmuster für das, was die Klassiker des modernen Lernens, von Locke bis Kant, von Pestalozzi bis Comenius, schon immer wussten. Etwa: Warum sind Gefühle beim Lernen so wichtig? Weil die Hirnstrukturen, die Fakten verarbeiten, dieselben sind, die auch Gefühle verarbeiten. Das Gehirn lässt sich also über Lernen in seinem Gefühlshaushalt beeinflussen und umgekehrt. Lernen macht glücklich, und wer glücklich ist, lernt leichter. Es hilft übrigens auch, sich selbst positiv zu beeinflussen, sich also mit einem Lächeln im Gesicht an die Hausaufgaben zu setzen. Dann gelingt Lernen leichter. Ob jemand gut lernt, hängt also von der inneren Einstellung ab. Kann Lernen wirklich immer Spaß machen? Overhoff: Selbst der glücklichste Lernende kommt irgendwann an den Punkt, wo er merkt: Lernen braucht auch Beständigkeit, Ausdauer und Selbstdisziplin. Wichtig ist dann, wie man diese Zeit der Überwindung gewichtet im Vergleich zu den glücklichen Lernerlebnissen. Es geht nicht darum, ob Lernen auch mal ein oder zwei Tage mühselig ist, sondern um die generelle Erfahrung: Lernen macht Spaß. Korte: Die Mühsal des Lernens gehört dazu, aber jeder kann lernen, mit ihr umzugehen. Man beurteilt das gegenwärtige Lernen nämlich immer nach den alten Lernerfahrungen. Waren die positiv, setzt man sich auch mit den nächsten Herausforderungen motiviert auseinander. Deshalb sind anfangs kleine Lerneinheiten und Zwischenziele wichtig, um den Kindern Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Haben sie erst einmal die Erfahrung gemacht, dass Lernen Spaß macht, kann man die Anforderungen steigern. Lernen Kinder genug, wenn sie bloß spielerisch gefördert werden? Overhoff: Was heißt denn „spielerisches Lernen“? Das ist nach Locke „freiwillige Arbeit“. Die Freiwilligkeit oder zumindest der Eindruck, dass man etwas gerne selbst tut, ist ganz entscheidend dafür, dass es Spaß macht. Dass Spielen nicht auch Anstrengung ist, bestreitet Locke an keiner Stelle. Korte: Kinder zum Lernen motivieren heißt nicht, dass wir an sie keine Ansprüche stellen dürfen, um sie vor Misserfolgserlebnissen zu schützen, oder dass wir schlechte Leistungen nicht kritisieren dürfen. Kinder wollen ernst genommen werden, und das verlangt eine ehrliche Rückmeldung. Außerdem schüttet unser Hirn erst dann das Glückshormon Dopamin aus, wenn die bewältigte Aufgabe eine echte Herausforderung war. Wir dürfen Kinder aber auch nicht überfordern, und wir dürfen sie nicht einschüchtern. Wer Angst hat – vor dem Lehrer, vor den Eltern, vor Misserfolgen –, der kann nicht effizient lernen, denn dessen assoziatives Denken ist eingeschränkt. Darf man Kinder für gute Leistungen belohnen? Overhoff: Eine Belohnung ist überhaupt nichts Verwerfliches. Das kann ein Buch für ein tolles Zeugnis sein. Das kann auch mal Schokolade sein. Oder extra Fernsehen am Abend. Oder gemeinsames Fußballspielen. Das sahen die Aufklärer schon genauso. Johann Basedow (1724–1790) hat beispielsweise geschrieben, man dürfe Kindern ruhig „eine Baumfrucht oder Rosinen zur Belohnung geben“. Wichtig ist, dass die Belohnung etwas sehr Fröhliches ist und Freude macht. Korte: Belohnungen sind wichtig für die Motivation. Sie müssen aber wechseln, sonst geht die Überraschung verloren. Die wiederum braucht es, damit das Belohnungssystem im Hirn anspringt. Belohnungen sollten zudem nicht immer etwas Materielles sein. Sicher darf es mal ein Euro für eine besonders gute Note sein. Aber Zuwendung, Zeit für ein gemeinsames Spiel, ein Ausflug – das ist für Kinder viel wertvoller. Auch Lehrer können ihre Schüler über Belohnungen motivieren. Ein anerkennendes Kopfnicken, wenn man die Klasse verlässt, ein kurzer Satz wie: „Das war heute eine Spitzenleistung von dir“ – das bewirkt viel. Haben Sie einen Trick für den Notfall, um ein Kind zum Lernen zu motivieren? Overhoff: Mein Sohn hatte kürzlich überhaupt keine Lust, seine Lateinvokabeln zu lernen. Die Sonne schien, und er wollte viel lieber draußen sein. Da habe ich ihm vorgeschlagen, dass wir uns zusammen an die Spree setzen, er sich in Badehose sonnt und ich ihn zwischendurch abfrage. Das ging dann ganz flott! Man muss sich also beim Lernen manchmal nur in eine angenehmere Situation begeben. Damit fällt das Anstrengende, in dem Fall das Vokabellernen, nicht weg, aber es fällt leichter. Korte: Was hilft, ist auch die richtige Taktik: Also erst das Schöne, Aufregende lernen, was einem Spaß macht – und dann, wenn das Gehirn in der richtigen Stimmung ist, das Anstrengendere, was man nicht so gerne macht, etwa Vokabeln wiederholen. Jürgen Overhoff ist Historiker und hat sich
mit den pädagogischen Ideen der Aufklärer
des 18. Jahrhunderts befasst.
Der Neurobiologe Martin Korte erforscht,
wie zelluläre Grundlagen des Lernens
funktionieren und was dies für Konsequenzen
für das kindliche Lernen hat.
Buch zum Thema: Mehr zum Thema auf lernklick
(lekl) 15.11.2009
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