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Die Macht der Kinder

Ein Plädoyer für die „Kinderrepublik Deutschland“

„In Deutschland sind Kinder immer seltener anzutreffen. Vor 30 Jahren tummelten sich noch sechs Millionen Kinder mehr in den Gärten, auf den Spielplätzen und den Straßen unseres Landes“, so beginnt Ulrich Deupmann sein Buch „Die Macht der Kinder“. Ob gewollt oder nicht: Die Assoziation zum Grönemeyer Hit „Kinder an die Macht“ ist unvermeidlich bei diesem Titel. Tatsächlich aber gibt es zwischen beiden nur wenige Berührungspunkte. Während Grönemeyer gegen die Ohnmacht der Kinder ansang, geht es Deupmann um die Zukunft der Gesellschaft – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Auf knapp 230 Seiten folgt dann sein Credo: Nur wenn in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden, kann der Lebensstandard im 21. Jahrhundert erhalten bleiben. Und deswegen muss die Politik sich endlich dieses Problems annehmen.

Bitterer Nachgeschmack

Nicht ganz einfach. Denn dem Thema Bevölkerungspolitik haftet zu Recht ein bitterer Nachgeschmack an. Schließlich wird damit bis heute die Bevölkerungs- und Rassenpolitik der Nationalsozialisten, also: Mutterkreuz, Euthanasie, Eugenik und Endlösung in Verbindung gebracht. Folgerichtig lässt Deupmann dieses Kapitel der deutschen Geschichte nicht aus. Sein Fazit: Moderne Bevölkerungspolitik habe damit nichts zu tun, im Gegenteil: Sie ziehe die zeitgemäße Lehre aus dem verheerendsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Im Zentrum: Die Bildung

Allen, die nun glauben, allein mit einer steigenden Geburtenrate seien die Probleme gelöst, setzt der Autor ein klares ‚Denkste!’ entgegen. Langfristiger und dauerhafter Wohlstand erwachse nämlich erst, wenn alle Kinder eine optimale Ausbildung erhielten. Schon hier wird deutlich, dass es dem Autor beinahe virtuos gelingt, den „Umbau des Landes zur Kinderrepublik Deutschland“ von vielen Seiten zu beleuchten. Nicht nur von der wirtschaftlichen.

Weniger Kinder – weniger Wohlstand

Obwohl diese sich am besten mit Fakten belegen lässt. Dabei muss Deupmann noch nicht einmal im Kaffeesatz der Zukunft lesen, sprechen doch nachweisbare Zahlen eine deutliche Sprache. Der so genannte Pillenknick nämlich, dem zeitversetzt ein deutlicher Einbruch beim Wirtschaftswachstum folgte: „In Deutschland war dieser Zeitpunkt 1995 gekommen. Plötzlich brauchten Hunderttausende von jungen Erwachsenen weniger eine eigene Wohnung, als sie von zu Hause auszogen, brauchten insgesamt weniger Möbel, Autos und Anzüge."

Klassenspaltung im Bildungssystem

Themen wie PISA und der darauf folgende hektische Aktionismus vieler Bildungspolitiker, die Kleinstaaterei und die „flächendeckende Realität“ der Zweiklassenbildung lässt Deupmann ebenso wenig aus wie einen historischen Exkurs in die deutsche Bildungsgeschichte. Oder wie er es nennt: Die organisierte Klassenspaltung im Bildungssystem. Auch auf den Blick über den Tellerrand in die Vorzeigeländer Frankreich, Finnland und Schweden verzichtet er nicht.

Die Bedürftigen des 21. Jahrhunderts

Ebenso wenig vergisst er die Hauptakteure: Frauen, Männer und Kinder. Auch hier hat er nachgerechnet: „Früher waren viele Kinder die beste Gewähr, um im Alter sicher zu leben. Heute sind sie das höchste Risiko, beim Sozialamt bald jeden Flur von innen zu kennen. Deutschlands Sozialpolitiker haben so lange die Altersarmut von Rentnern bekämpft, dass sie völlig übersehen haben, wer die Bedürftigen des beginnenden 21. Jahrhunderts sind: Viermal so viele Kinder leben inzwischen von Sozialhilfe wie Rentner von sozialer Grundsicherung.“

Akribisch recherchiert

Angereichert hat Deupmann sein Buch mit einer Vielzahl akribisch recherchierter Zahlen und Fakten. Selbst wenn viele dieser Daten so neu gar nicht sind, in ihrer Bündelung und journalistisch perfekten Aufbereitung bieten sie reichlich Zündstoff und Diskussionsvorlage für politische Debatten.

Kinder-Soli

Doch was wären all die Fakten ohne Lösungsvorschläge? Auch die hat Deupmann parat. In seinem Zehnpunktekatalog fordert er unter anderem ein mindestens einjähriges Erziehungsgeld in Höhe von 80 Prozent des letzten Nettogehaltes, die Einführung eines „Kinder- und Familien-TÜV“ für alle Gesetzentwürfe, einen „Kinder-Soli“ von drei Prozent auf Renten und Beamtenpensionen sowie die Erhöhung des Spitzensteuersatzes um drei Prozentpunkte.

„Aufgabe ersten Ranges“

Mit seiner Streitschrift will der prominente Journalist - er ist Theodor-Wolff-Preisträger und nach Stationen bei der Süddeutsche Zeitung und dem Spiegel Leiter des Hauptstadtbüros der Bild am Sonntag – aufrütteln. Verfolgt man die politischen Diskussionen der letzten Wochen, ist man sogar geneigt zu glauben, dass er damit bereits erste Erfolge hatte. Die Familienministerin hat ein einjähriges einkommensabhängiges Elterngeld angekündigt, Bundeskanzler Schröder bezeichnete die Erhöhung der Geburtenzahlen in Deutschland als "strategische Aufgabe ersten Ranges“ und auch die CDU hat das Thema entdeckt und eine neue Kommission "Eltern, Kinder, Beruf" gebildet. Allein Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, der die dreijährige Jobgarantie für Mütter geißelte, scheint Deupmanns Buch noch nicht gelesen zu haben.

(lekl) 15.10.2005

Titel: Die Macht der Kinder
Autor: Ulrich Deupmann
Verlag: S.Fischer Verlag
Preis: 16,90 Euro
220 Seiten
Erscheinungsjahr: 2005


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