Konsolenspiele genießen bei Eltern noch immer nicht den besten Ruf. Schließlich ist die Konsole – anders als der Computer – ausschließlich Spielzeug und gilt somit (auch wenn Kinder erwiesenermaßen beim Spielen lernen) häufig genug als überflüssiger Zeitvertreib. Diese Einstellung könnte sich jetzt ändern. Denn mit Dr. Kawashima kommt ein Nintendospiel nach Deutschland, das bereits in Japan Bestsellerzahlen aufweisen kann. Aber eben nicht, weil es wieder einmal um Ballern, Hüpfen oder Autorennen geht, sondern schlicht darum, die kleinen grauen Zellen auf Vordermann zu bringen.
Namensgeber ist der anerkannte Neurologe Ryuta Kawashima, Fachmann für „Gehirnlandkarten“. Er hat nämlich erforscht, bei welchen Aktivitäten die jeweiligen Regionen des Gehirns besonders beansprucht und somit gefördert werden. Und diese Erkenntnisse sind der Grundstock des Spiels. Einfache, schnelle Rechenaufgaben, Vorlesen oder Gedächtnisübungen sind laut Dr. Kawashima die idealen Trainingseinheiten, um das Gehirn fit zu halten. Wer meint, dass solche Übungen langweilig seien, oder gar Kinder und Jugendliche abschrecken könnten, der irrt. Das Spiel entwickelt nämlich eine solche Faszination, dass man fast süchtig danach wird. Ähnlich wie bei konsequenten Joggern können Kawashima-Spieler nur schlecht ohne die tägliche Trainingseinheit auskommen – und halten so ihr Gehirn auf Trab.
Die Konsole wird aufgeklappt wie ein Buch. Auf dem linken Bildschirm gibt der Trainer, Dr. Kawashima, zunächst die Spielanweisungen. Später erscheinen dort auch die Aufgaben. Auf dem rechten Bildschirm wird trainiert, entweder mit dem Touchpen oder per Spracheingabe. Dabei erkundigt sich Kawashima vorab vorsichtshalber, ob die Umgebung für die Spracheingabe auch geeignet ist. Das ist auch gut so, denn den Mitfahrenden im Zug oder in der Straßenbahn etwa würde es schon recht seltsam vorkommen, wenn man plötzlich – wie im Spiel verlangt – laut „Das Urteil“ von Kafka deklamiert.
Gleich am Anfang schlägt die Stunde der Wahrheit. Denn der Alterstest legt gnadenlos offen, wie fit das eigene Gehirn ist. Was zunächst ganz einfach aussieht, ist ganz und gar nicht simpel: Man muss die Farben der Wörter laut ins Mikrofon sprechen, die auf dem Bildschirm erscheinen. Die Wörter wiederum beschreiben die Farben „Gelb“, „Rot“, „Blau“ und „Schwarz“. Nur, dass das Geschriebene mit der Farbe des Wortes selten übereinstimmt. Hier ist also Konzentration angesagt, und allzu vorschnelles Lesen sollte man vermeiden. Passiert das dennoch, schnellt das geistige Alter schon mal auf 70 Jahre hoch. Da hilft nur trainieren, trainieren, trainieren. Und dann natürlich ein neuer Alterstest. Der wird dann deutlich umfangreicher und kniffliger. Aber es besteht die reale Chance, sich in einem Rutsch von 70 auf 34 Jahre hoch bzw. herunter zu trainieren.
Was Dr. Kawashima vermittelt, sind nicht die einsamen geistigen Hochleistungen, wie etwa die Lösung einer komplexen Aufgabe, die das Gehirn auf Trab halten, sondern simple aber schnelle Rechenaufgaben, Konzentrations- und Gedächtnisübungen und lautes Vorlesen. Am liebsten sieht der Neurologe es, wenn täglich geübt wird. Dann begrüßt er den Spieler freundlich und versorgt ihn mit einem nützlichen Tipp. Etwa: „Versuchen Sie die Empfindung der Leute zu erraten, die Ihnen begegnen. Fassen Sie Ihre Vermutungen in Worte. Auch dadurch aktivieren Sie Ihr Gehirn in sehr starkem Ausmaß.“ Am Ende der täglichen Übung darf man dann den Tag mit einem Stempel abhaken.
Auf alle Übungen erhält man ein direktes Feedback. War das Ergebnis nicht berauschend, dann schlurft ein Fußgänger über den Bildschirm, der Radfahrer steht für die nächste Steigerung und über Auto, Schnellzug und Flugzeug geht’s zur Rakete – dann sind die geistigen Leistungen Spitze. Immer mehr Übungen werden im Laufe des Trainings freigeschaltet – langweilige Wiederholungen sind also nicht angesagt. Die eigenen Trainingsergebnisse werden so verarbeitet, dass ein ganz individueller Trainingsplan entsteht. Man muss aber nicht immer nur allein trainieren, sondern kann sich auch mit anderen gemeinsam den Aufgaben stellen. Im Mehrspieler-Modus dürfen nämlich bis zu 16 Spieler gegeneinander im Simultan-Kopfrechnen antreten.
Übrigens: Sudoku-Fans werden von dem Spiel begeistert sein. Gibt es doch eine spezielle Sudoku-Rubrik. Auch hier kann zunächst geübt werden, bevor es ans wirkliche Lösen der Aufgaben geht. Dabei wird das jeweilige Kästchen, das man ausgesucht hat, groß auf dem Bildschirm angezeigt und man kann die Zahl bequem mit dem Touchpen einzeichnen. Wer will, kann das Ganze im Mogelmodus spielen, dann bekommt er bei jeder eingetragenen Zahl die Rückmeldung, ob sie richtig oder falsch war.
Mit Dr. Kawashima wird der Nintendo DS zum persönlichen Fitnesstrainer und zwar für (fast) die ganze Familie. Einzige Voraussetzung: Lesen, Schreiben und Rechnen sollte man bereits gelernt haben. Dann genügt schon ein tägliches Training von 5 bis 10 Minuten, um sich geistig in Hochform zu halten.
Titel: Dr. Kawashimas Gehirn Jogging
Verlag: Nintendo
emp. Preis: 28,95 Euro
System: Nintendo DS
Erscheinugsjahr: 2006